Das Mädchen, das in der Metro las

Die kleinste Veränderung konnte ein Abenteuer sein, wenn man sie nur annahm.

– S. 136

Sie beobachtet die verschiedenen Menschen in der Metro. Die ältere Dame mit dem Kochbuch. Der Mann mit dem Insektensachbuch. Die blonde junge Frau, die immer auf Seite 247 ihres Liebesromans hemmungslos zu weinen begann.

Auf ihrem Weg zur Agentur mit der Linie 6 der Metro betrachtet Juliette täglich ihre Mitreisenden. Auch Bücher hat sie viele während der langen Fahrt verschlungen, die sich mittlerweile schon in ihrer unteren Schublade in der Agentur sammeln. Doch diese Abenteuer und fremden Welten bieten ihr die Abwechslung, die sie in ihrem eintönigen Alltag nicht finden kann.

Bis sie eines Tages zwei Stationen früher aussteigt und sich ihr Leben von Grund auf ändert.

Für jeden von uns wartet ein Buch da draußen, das richtige für unsere momentane Lebenssituation. Es könnte unser Leben verändern.

Juliette wird zur Bücherkurierin. Ganz zufällig rutscht sie in diese Rolle und nimmt diese dankend an. Sie möchte den Menschen die richtigen Bücher bringen. Genau diese, die ihr Leben verändern. Aber auch ihr Leben wird somit auf den Kopf gestellt. Bei ihrer Kündigung in der Agentur hinterlässt sie ihrer Kollegin und ihrem Chef ein Buch auf dem Schreibtisch.

„Die Uhrzeit … ich weiß nicht, ob Sie das begreifen, Sie sind ja noch neu. Aber die Uhrzeit … Gibt man ein Buch um sechs Uhr morgens auf die gleiche Art und Weise weiter wie um zehn Uhr abends? Ich schreibe das alles auf, damit Sie – Sie und die anderen – bei Bedarf alles in diesem Heft nachlesen können. Um sich wieder zu erinnern. Und es wird mehr als nur eine Erinnerung sein, denn Datum und Uhrzeit sagen unendlich vieles aus: über die Jahreszeit, das Licht, und das sind nur die offensichtlichsten Details. Haben Sie damals einen dicken Wintermantel oder ein Sommerkleid getragen? Und Ihr Gegenüber? Wie war die Person gekleidet? Wie bewegte sie sich? War die Sonne bereits untergegangen? Stand sie knapp über den Dächern oder schien sie in dunkle Höfe, von denen man auf der Fahrt von einer Metrostation zur anderen kaum etwas ahnt? Stand in einem jener Höfe eine Frau am Fenster oder, nein, ein Mädchen, das der Metro beim Vorüberfahren zuwinkte, als wollte es Freunden, die auf eine sehr lange Reise gingen, viel Glück wünschen? Wenn das im Dezember war, konnten Sie hinter den Fenstern ein Licht einer Lampe nur erahnen oder wie jemand schnell einen Vorhang zurückzurückzog, und dann erschien wie ein blasser Fleck ein Gesicht … “

⁃ S. 83f.

Juliette lebt in einer Welt voller Bücher und Geschichten, in einer Utopie, sich von den Abenteuern des Lebens da draußen zu schützen.

„Mögen Sie keine Poesie?“

Was für ein Idiot. Er hatte nichts begriffen. Sie übrigens auch nicht. Das musste an dem berühmten Menschsein liegen, diesem Päckchen, das wir bei der Geburt mit auf den Weg bekommen – im Grunde sind wir alle wie zugenagelt, für die Gefühle eines anderen völlig unzugänglich und außerstande, die Gesten, Blicke und das Schweigen zu begreifen; wir sind alle dazu verdammt, uns umständlich mit Hilfe von Worten verständlich zu machen, die niemals das Richtige aussagen.

⁃ S. 89f.

Doch sie wird lernen, wieder zu diesem realen Leben zurückzukommen, zu den Abenteuern, den Menschen und Gefühlen. Der Buchwelt wird sie jedoch weiterhin treu bleiben und diese an die Menschen weitergeben. Ich sag nur: Yellow Submarine.

„Ich weiß es, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber das macht nichts, gehen Sie schlafen, meine Kleine. Morgen sehen die Dinge vielleicht schon wieder ganz anders aus.“

Er überlegte kurz.

„Oder auch nicht.“

„Das ist nicht sehr ermutigend.“

„Nichts ist im Leben ermutigend. Es ist an uns, dort Ermutigung zu finden, wohin unser Blick, unsere Begeisterung, unsere Leidenschaft, unser … egal, was auch immer, uns lenkt.“

Er tätschelte nachsichtig ihre Wange.

„Und Sie sind dazu imstande. Da bin ich mir sicher.“

⁃ S. 101

Das Mädchen, das in der Metro las

Von Christine Féret-Fleury

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